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10.10.2013

Wie geht Inklusion?


Vertreter von Politik, Gewerkschaft, Schule und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen tauschten sich auf dem Fachtag in Bethel aus (v. l.): Norbert Wichmann, Bündnis „länger gemeinsam lernen“, Claudia Hoppe, Leiterin der Gesamtschule Rosenhöhe in Bielefeld-Brackwede, Dr. Wolfram von Moritz, Evangelische Kirche von Westfalen, Prof. Dr. Hans-Martin Lübking, Bündnis „länger gemeinsam lernen“, Sigrid Beer, Mitglied des Landtags NRW, Ralph Fleischauer, Schulministerium NRW, Kerstin Stoll, Elternvertreterin Gemeinsamer Unterricht, Frank Thies, Leiter der Mamre-Patmos-Schule in Bethel, Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Hans-Wilhelm Lümkemann, Leiter Friedrich-v.-Bodelschwingh-Schulen Bethel (Gymnasium/Realschule/Sekundarschule), Pastor Bernward Wolf, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und Barbara Manschmidt, Geschäftsführerin des Betheler Stiftungsbereichs Schulen | Foto: Paul Schulz

Bielefeld-Bethel. Gemeinsamer Unterricht – NRW-Fachtagung in Bethel Inklusion in der Schule gibt es nicht zum Nulltarif

„Bethel ist ein leuchtendes Vorbild“, lobte Dr. Wolfram von Moritz, Dezernent für Schul- und Bildungspolitik der Ev. Kirche von Westfalen. Damit spielte er auf den Gemeinsamen Unterricht von Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Gymnasium der Friedrich-v. Bodelschwingh-Schulen an. Dr. von Moritz war einer von zehn Experten, die bei einem Fachtag in Bielefeld-Bethel im Podium über die Frage „Wie geht Inklusion?“diskutierten. Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit dem Bündnis „länger gemeinsam lernen“, dem DGB und Bethel Mitte Oktober im Forum in den Friedrich-v. Bodelschwingh-Schulen ausgerichtet.
„Bethel hat gute Bedingungen geschaffen, um Inklusion umzusetzen“, unterstrich Dorothea Schäfer, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft das Engagement Bethels beim Fachtag. Damit Gemeinsamer Unterricht gelingt, bedarf es einer langen Vorlaufzeit mit Planungen, Qualifizierungen sowie Hospitationen. Und auch die personellen Ressourcen müssen stimmen, so der Schulleiter des Gymnasiums, Hans-Wilhelm Lümkemann. „2007, ein Jahr bevor die Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in die fünfte Klasse aufgenommen wurden, hatten wir schon eine Sonderschulpädagogin im Kollegium.“ Sechs Jahre später sind es schon sechs.
Sonderpädagogen müssen in der inklusiven Schule fest angestellt sein, dafür plädiert Barbara Manschmidt. „Die Schule braucht Förderschullehrer, die zum Team gehören und ein gemeinsames Konzept mitgestalten, das unterschiedliche Förderschwerpunkte berücksichtigt.
Es werden keine ‚Helikopter-Sonderpädagogen‘ benötigt, die einfliegen und schnell wieder weg sind“, warnte die Geschäftsführerin des Stiftungsbereichs Schulen vor der Praxis, Sonderschullehrer als Kurzzeitberater in die Regelschulen zu entsenden. Genau das komme aber immer wieder vor, kritisierte Dorothea Schäfer. „Und damit nicht genug - es gibt sogar Schulen, die erfahren vor den großen Ferien, dass sie danach mit dem Gemeinsamen Unterricht anfangen sollen. Sie haben überhaupt keine Zeit zu planen. So gelingt Inklusion nicht.“
Im Düsseldorfer Landtag wurde am 16. Oktober 2013 das
9. Schulrechtsänderungsgesetz verabschiedet. Das Gesetz ist eine Konsequenz aus der UN-Konvention über das Recht auf inklusive Bildung. Es besagt, dass die Förderung von Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Behinderungen in den allgemeinen Schulen zum Regelfall werden soll. Sobald das Gesetz verabschiedet ist, haben Kinder mit Förderbedarf einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer allgemeinen Schule.
Doch was wird aus den Förderschulen, wenn alle Regelschulen in Nordrhein-Westfalen inklusiv werden? Katja Aach ist der Meinung, sie sollten bestehen bleiben. Die Mutter einer schwer behinderten Tochter erklärte den über 100 Besuchern des Fachtags, warum sie die Beschulung ihres Kindes in einer Förderschule für besser hält. „Wir sind heilfroh, dass es die Mamre-Patmos-Schule in Bethel mit ihrem hoch differenzierten Angebot für die unterschiedlichsten Förderbedarfe gibt. Unsere Tochter wäre in einer Regelschule mit größeren Klassen nicht gut aufgehoben. Sie hat Unterricht in Kleinst-Lerngruppen“, so die Mutter, die selbst Lehrerin an einer Realschule ist. Wie ihre Tochter hat ein Drittel der Schülerinnen und Schüler in der Mamre-Patmos-Schule einen besonders hohen Förderbedarf. Diese hoch differenzierte Förderung, die in dieser Schule passiert, erläuterte Frank Thies als Schulleiter dem Auditorium.
„Niemand will die Förderschulen abschaffen“, stellte der Leiter der Projektgruppe Inklusion im NRW-Schulministerium, Ralph Fleischhauer, klar, und fügte hinzu: „Wenn aber immer mehr Eltern wünschen, dass ihr behindertes Kind im Gemeinsamen Unterricht in einer allgemeinen Schule beschult wird, werden wir in dem einen oder anderen Landstrich für eine Handvoll Kinder keine Förderschulen mehr vorhalten.“

Text: Silja Harrsen/Barbara Manschmidt


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